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Pop-Report vom 07.03.2010 |
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Tocotronic 2010
Drei Jahre nach Kapitulation meldeten Tocotronic sich im Januar eindrucksvoll zurück – nun gehen sie mit Schall und Wahn auf Tour – Zeit für eine Rückschau
DORTMUND / KÖLN, 07.03.10 (100). Mit Schall & Wahn, ihrem nunmehr neunten Studioalbum, sind Tocotronic auf dem vorläufigen Zenit ihrer Karriere angekommen. Während die Band in den ersten Jahren nach ihrer Gründung mit wüst - stürmischem Krach-Rock aufwartet, der oftmals nur als Hilfsmittel dient, den gelegentlich plakativen Verweigerungsbotschaften des Trios Ausdruck zu verleihen, liefert sie 17 Jahre nach Bandgründung einen Monolithen ab, der sich nicht nur stilistisch, sondern auch textlich vielseitiger denn je zeigt. Zwischen der Bandgründung, auf die 1995 die Veröffentlichung des noch heute in vielen Kreisen abgöttisch verehrten Digital ist besser folgt, und der Tocotonic des Jahres 2010, lässt sich die interessante Entwicklung einer der spannendsten und zugleich geheimnisvollsten deutschsprachigen Bands überhaupt verfolgen.
Bis zum Ende der neunziger Jahre des vorangehenden Jahrhunderts bleiben Tocotronic ihrem 1993 eingeschlagenen Stil treu: simpler Rock, häufig in Kombination mit einer einfachen, aber unwiderstehlichen Melodie, dazu Texte die – zwischen Aggression und Melancholie schweifend - mit ihrer Ablehnungshaltung nicht lange hinter dem Berg bleiben. 1999, mit dem Erscheinen von K.O.O.K, begeben Tocotronic sich auf progressivere Pfade. Die Stücke werden länger, die Botschaften kryptischer, reicher an Stilmitteln und mehrdeutiger. Inhaltlich führt die Band diesen Weg auf dem weißen Album von 2002 weiter, musikalisch experimentiert sie zunehmend mit Elektronik. Von der Tocotronic der mittleren Neunziger ist zu dieser Zeit nicht mehr viel geblieben, doch die immer implizite Verweigerungshaltung, das nonkonformistische Element, ist nicht gewichen. Die Periode, die heute in der Rückschau von den Bandmitgliedern als Berliner Trilogie bezeichnet wird, beginnt 2005, kurz nach der Aufnahme des bisherigen Tourgitarristen Rick McPhail als vollwertiges Mitglied, mit der Veröffentlichung von Pure Vernunft darf niemals siegen und endet als Schall & Wahn im Januar 2010 das Licht der Welt erblickt. Dazwischen steht das mitunter sehr konzeptionell wahrgenommene Werk Kapitulation, welches soundtechnisch teilweise an die Anfangsjahre der Band erinnert, jedoch durch ausgefeiltes Songwriting und wesentlich anspruchsvollere Texte besticht. Schall & Wahn schließlich stellt einen vorläufigen Höhepunkt in der Karriere Tocotronics dar. Dirk von Lowtzows Botschaften gestalten sich vielseitiger und gleichzeitig geheimnisvoller denn je, warten mit Zitaten, Metaphern und Verweisen auf, während die Musik Elemente aus unterschiedlichen Bereichen des Rock vereint und erstmals, ganz im Gegensatz zu Kapitulation, in einem heterogenen Soundgewand daherkommt.
Dass Tocotronic mit ihrem neuen Album im Anhieb auf dem ersten Platz der deutschen Albumcharts einsteigen, verwundert trotz der unbestreitbaren Qualitäten der Platte dennoch. Oder auch nicht, denn das Faszinosum Tocotronic ist ohnehin nicht bis in die letzte Instanz erklärbar.
Neben den großartigen Verkaufszahlen kann die Band sich auch auf den Bühnen nicht über zu wenig Andrang beklagen. Gleich drei Zusatztermine wurden für die Deutschlandtour des Quartetts anberaumt. Nachdem ihrer Heimatstadt Hamburg bereits im Januar die Ehre zuteil geworden war, Schall & Wahn live zu erleben, kommt seit wenigen Tagen also auch der Rest des deutschsprachigen Raumes nach und nach in den Genuss. In Köln überzeugte das Quartett bereits durch ein äußerst abwechslungsreiches Set, auch wenn der Band noch anzumerken war, dass es sich um eine der ersten Stationen ihrer Tournee handelte. Doch da Tocotronic niemals müde werden, ihren ausgeprägten musikalischen Dilettantismus zu betonen, ist dies verzeihlich. Umso erstaunlicher ist die Entwicklung der Band. (pr) |
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